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Mitte Juni erboste sich die FAZ, weil ausgerechnet ein Spiegel Redakteur Rolf Peter Sieferles ‘Finis Germania’ auf eine Literaturliste gesetzt hatte. Das Buch habe rechtsextreme Substanz, also sollte man es nicht empfehlen, und vermutlich auch nicht lesen.

Das kommunistische Manifest hat linksextreme Substanz. Ich empfehle es gerade deshalb häufig, obwohl ich kein Kommunist bin, weil es schnell mit dem Vorurteil aufräumt, der Kommunismus sei eine wunderbare Idee die, in immer wiederkehrenden Experimenten, in der Anwendung pervertiert werde. Akif Pirinci’s ‘Deutschland von Sinnen’ empfehle ich nicht. Nicht weil es rechtsextreme Substanz hätte, sondern weil es keine Substanz hat. Der wütende Verriss der FAZ war für mich also ein Ansporn: das wollte ich lesen.

Trotz der unabsichtlichen Werbung seitens der FAZ, war das eher eine Enttäuschung. Sieferle schwadroniert in einem Feuilletonistenstil der jede argumentative Struktur begräbt, permanent von einem Thema zum anderen taumelt und so eine konfuse narrative spinnt – in diesem Sinne dem Spiegel nicht unähnlich.

Sieferle spricht ein paar interessante Punkte an. So sieht er die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als durch eine angelsächsische Narrative geprägt und lamentiert anschließend, das totalitäre Herrscher für ihre Verbrechen belangt werden während gewöhnlichen Kriminellen die Verantwortung abgesprochen wird. Letzteres mag man bedauern, doch wie ausgerechnet ein von Kontrollinstanzen befreiter Tyrann im Nachhinein als hilfloses Opfer der Geschichte gelten soll hätte Sieferle erklären sollen, unterließ es aber.

Sieferle bring weiter seine Ablehnung der Sozialdemokratie zum Ausdruck und echauffiert sich über die semantische Schwäche des Begriffs der Moderne um schließlich den deutschen Nationalsozialismus als einen mehrerer Gegenentwürfe zu dieser Moderne zu sehen. Ein Gegenentwurf, der als Sonderweg „fundamental gescheitert und wegen der mit ihm (vielleicht nur kontingenterweise) verbundenen Ungeheuerlichkeiten vollständig stigmatisiert“ sei. Diese Formulierung mit ihrer Weniger als halbherzigen Distanzierung von Tyrannei und Völkermord als ‘vielleicht nur kontingente Ungeheuerlichkeiten’ gibt den ersten Eindruck einer rechtsextremen Orientierung jenseits des akzeptablen Bereichs.

Wenn Sieferle anschließend den quasi-religiösen und zunehmend inhaltsarmen, weil unreflektierten, Ritus des Holocaustgedenkens kritisiert, spricht er ein Thema an das wirklich Diskussionswürdig ist. Man muss das fortwährende Andenken an den Völkermord nicht Ablehnen, um es kritisch zu reflektieren, den Sinn des Andenkens und vor allem seine konkrete Umsetzung zu hinterfragen. Im Gegenteil, eine solche Reflektion ist notwendig, wenn man die Herabwürdigung dieses Andenkens in ein inhaltlsleeres Ersatzritual verhindern will. Diesem Unterfangen hat Sieferle mit seinen zweideutigen Nostalgiebekundungen einen Bärendienst erwiesen.

Das Buch hat in der Tat rechtsradikale Substanz. Es konfrontiert uns auch mit verpassten Gelegenheiten zur gesellschaftlichen Selbstreflexion. Verbannen sollte man es trotzdem nicht. Jeder Bauer wird bestätigen können, das gerade ein Haufen Mist als Dünger taugt, wenn er genug organische Substanz enthält. Die Diskussionswürdige Substanz liegt in diesem Buch leider nicht offen zu Tage, aber es lohnt sich, sie auszugraben -trotz der finalen Fehlleistungen des Autors.

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